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Gedichte

Wolf Döhner

Meine beiden Bände "Achtersinnige Gedanken-Gedichte und Aphorismen" sind zur Zeit vergriffen. Eine Neuauflage ist geplant.

Achtern ist ein norddeutscher Begriff aus der Seemannsprache. Er bedeutet so viel wie „hinten“ Am bekanntesten dürfte der Begriff „Achterdeck“ sein.
Achtersinnig wäre dann wörtlich mit „hintersinnig“ zu übersetzen. Und so sind die Gedichte auch zu verstehen. Sie scheinen oft ganz einfach daher zu kommen und enden dann ganz unvermutet in Fragen oder Wendungen, die zum Nachdenken anregen oder gar das vorher Gesagte scheinbar widerlegen.

So gesehen könnte achtersinnig auch mit „hinterhältig“ übersetzt werde


Hier nur ein paar wenige Beispiele



Erinnerung

So wie die Saite einer Geige
schon alle Töne beinhaltet,
die sie jemals spielen wird,.

so ist die Erinnerung
die Melodie unsres Selbst.

Doch beide müssen erst bewegt werden.


 
Am Anfang ist das Wort

Am Anfang ist wie stets das Wort.  
Frei oder zögernd doch beständig  
prägt es das Sein -  
und lässt es nicht mehr los.  
Seis nun das Wort,
das man sich gab  
vor soundsoviel langen Jahren.  
Seis, dass zum ersten Mal  
ein neu geborner Laut  
die Saiten unsrer Seele streicht.
Stets ist das Wort im Anfang  
auch schon gleich sein Ende,  
ist immer Gegenteil von Sein.  
Das Stirb-und-Werde, das wir sind,  
das ist den Worten ewig gleich.
Wir sind durch sie.  
Doch was wir sind,  
kann nie ein Mensch  
in Worte völlig fassen.

Drum Mensch, gebrauche sie.
Sieh sie als Spiegel deines Seins.   
Lass Dich durch sie  
in Deiner Seele rühren,
doch achte stets, wer Du  
und wer das Bildnis sei


Du sprachst von Masken

Welche Masken meinst du?
Die, die wir zu sehen meinen
oder
die Tarnkappen,
die unser Selbst
zu verbergen trachten ?

Wie dem auch sei,
gegen beides gibt es
ein Mittel:
Lachen,
herzliches Lachen.
Denn das Herz kann nur offen lachen,
ohne Maske.


Die Zeit

Als die Zeit geboren wurde,
war sie schon uralt
denn sie hatte die lange Reise
durch den Geburtskanal des Lebens hinter sich.

Und als das Leben die Frucht des Leibes anschaute,
wandte es sich ab vor Entsetzen und sagte:
Du bist nicht mein Kind.
Wie könnte ich dich verdient haben?

So wurde die Zeit ausgesetzt.
In einem Binsenkorb schwamm sie dahin
im Urstrom der Ewigkeit,
bis sie von dem Menschen gefunden wurde.
Und er nahm sie an Kindes statt an
Das Leben aber war seit den Tagen
Seiner Rolle überdrüssig
Erst als es den Menschen geboren hatte,
kam wieder Hoffnung in ihm auf.
Denn der Mensch versuchte dem Leben einen Sinn zu geben.

So trafen Zeit und Leben wieder zusammen
Aber wie hatten sie sich verändert.
Das Leben war an der Last des  Alters fast zerbrochen,
die Zeit aber begegnete ihm in der schönsten Jugendfrische.

Da wurde das Leben noch bitterer als vordem.
Und es beklagte die Ungerechtigkeit des Schöpfers.
Die Zeit aber sagte: Klage nicht,
denn auch du wirst neu geboren werden.

Und sie fraß das Leben auf.

Der Mensch aber stand staunend daneben.
Seitdem wartet er auf die Neugeburt des Lebens
in strahlender Jugend -
denn er ist voller Hoffnung, der Mensch.


Die Leidenschaft und die Liebe

Die Leidenschaft, die ging einmal
Von Buenos Aires bis Nepal.
Dort traf sie dann die Liebe an
Und fragte diese schließlich wann
Werden wir uns wieder sehen
Und dann für immer, das wäre schön.
Die Liebe darob lächelt leis
Der Leidenschaft der wurds gleich heiß.
Gestehe nur, du liebst mich nicht.
Die Liebe aber zu ihr spricht:
Was gehen mich die Leiden an,
die du herumschleppst, denn irgendwann
vielleicht schon morgen glaubst du
fändst einsam du nicht deine Ruh
und legst dir eine Freundin bei
die Eifersucht – doch mir ist`s einerlei.
Ich kann dich lieben nur jetzt und hier.
Was danach kommt – was wissen wir.
Ich kann nicht planen und reisen wie du.
Ich wüsste nicht einmal wozu.
Lass uns den Augenblick genießen
Als ob wir nie uns je verließen.
Sprachs und gab sich jener hin.
Die Leidenschaft verlor den Sinn.
Seit der Zeit sucht sie die Liebe zu finden
Doch wo immer sie sich auch treffen –
Nie gelingt ihrs jene zu binden.



 
Was wir brauchen
Hommage an
Erich Fried

„Ein Haus mit Garten“,
sagt der Sesshafte.
„Viele Kinder“,
sagt die Fürsorgliche.
„Ein schnelles Auto“,
sagt der Umtriebige.
„Noch mehr Freunde“,
sagt die Gesellige.

„Genug zu essen“,
sagt die Hungernde.
„Gesundheit“,
sagen die Kranken.
„Geld für die Miete“,
sagen die Armen.
„Einen, der mir zuhört“,
sagen die Bedrückten.

„Und was brauchst du?“,
fragt der Neugierige.

„Geborgenheit, Hoffnung
und ein wenig Liebe“,
sagt die Verzweifelte.

„Wie unbescheiden!“,
sagt die Unbescheidene.



 
Geliebte Freundin
Hommage an
Khalil Gibran

Du bist nicht meine Freundin, noch meine Geliebte.
Vergeblich ist es, ich weiß es, dir zu erklären, warum.
„Du wirst mich lieben trotzdem, oder deswegen!“,
sagst du.
Liebe nur! Im Lieben liegt der Sinn des Lebens.

Geliebte,
ich weiß, die Liebe ist langmütig und freundlich.
Sie erfreut mich und dich
und treibt keinen Mutwillen,
noch bläht sie sich auf.
Sie sucht nicht das Ihre,
noch rechnet sie das Böse zu.

Aber du erschlägst mich mit deiner Liebe!
Meine Masken werden nutzlos,
weil du mir ins Herz schaust – oder doch
zu schauen vorgibst.

Doch du schaust an mir vorbei,
beachtest die Masken mehr,
die im Staub liegen, als mich.
In deren toten Augen spiegelt sich
deine Liebe.

Geliebte Freundin, liebe mich!
Es tut dir gut, oft auch mir!
Aber vergiss nicht, dass auch du
Masken trägst!
Welche deiner Masken liebt mich gerade?


Jetzt

Du wünschst mir das Atmen im Jetzt.
Wie schön,
dass wir noch atmen können!
Da bleibt für das Jetzt
oft keine Zeit.


Zur Erinnerung

Je weniger man in den Wald ruft,
desto seltener schallt es zurück.

Je weniger Schall,
desto dünner die Luft.

Je dünner die Luft,
desto stirbt man.



Menschen an Tischen

Menschen an Tischen, einzeln oder zuhauf,
zufällig sind sie am gleichen Platz.
Sie sind zusammen und sind oft doch allein.
Die gleiche Sonne sticht auf sie herab.
Manche berühren sich – weltenversunken.
Manche begegnen sich mit den Augen
und sind sich doch weltenfremd.
Sie atmen die gleiche Luft,
ohne zu wissen, was sie verbindet.
Sie leben und sterben zur gleichen Zeit.
Wie das Wasser der Brunnen
erheben sie sich
und fallen zusammen,
als ob nichts gewesen wäre.
Und steigen auf zu neuem Leben,
gehen dahin – wohin?

Menschen an Tischen, jeder eine Welt für sich.
Sie nähern sich an oder bleiben allein,
verschmelzen oder erkalten.
Ihre Blicke berühren sich zärtlich,
andere starren aus Totenmasken,
können nicht sehen.
Und doch glimmt in manchen
der Funke der Hoffnung – auf Erlösung.

Menschen an Tischen.
So viel Fassade, so viel Freude –
Lebensfreude!
Und über allem ein gütiger Himmel,
der es auch regnen lässt – für kurze Zeit.
Das bringt Bewegung in das Bild,
ein Anschein von Leben.
Aber schon sitzen die ersten Sonnenbrillen
wieder fest auf der Nase.
Sie sehen auf Menschen an Tischen.
Manche sterben gerade.
Andere werden geboren
und öffnen die Augen.
In der Sonne verdampft
ihr voriges Leben scheinbar in nichts.
Sie sehen sich an
und erkennen einander – zum ersten Mal.


Eine Fortführung der Reihe liegt vor unter dem Titel
"Schein ist alles". Sie ist bebildert mit eigenen Malereien.

daraus

 
Am Anfang ist das Wort

 
Am Anfang ist wie stets das Wort.  
Frei oder zögernd doch beständig  
prägt es das Sein -  
und lässt es nicht mehr los.  
Seis nun das Wort,
das man sich gab  
vor soundsoviel langen Jahren.  
Seis, dass zum ersten Mal  
ein neu geborner Laut  
die Saiten unsrer Seele streicht.
 
Stets ist das Wort im Anfang  
auch schon gleich sein Ende,  
ist immer Gegenteil von Sein.  
Das Stirb-und-Werde, das wir sind,  
das ist den Worten ewig gleich.
Wir sind durch sie.  
Doch was wir sind,  
kann nie ein Mensch  
in Worte völlig fassen.

 
Drum Mensch, gebrauche sie.
Sieh sie als Spiegel deines Seins.   
Lass Dich durch sie  
in Deiner Seele rühren,
doch achte stets, wer Du  
und wer das Bildnis sei.



 
Nachdenken

 
über den Mond in einer mystischen Sommernacht
als ginge ihn das  Leben auf der Erde gar nichts an.
Dabei irrt der Mond schon seit Äonen.
Denn ohne die Erde gäbe es ihn nicht.

 
Über den Kastanienbaum vor meinem Garten
Er explodierte im Frühling geradezu, als gälte es  
den Frühling mit seiner atemberaubenden Vielfalt  
und Lebendigkeit zu verherrlichen.

 
Über die Gleichgültigkeit der Menschen,
die diese und andere Wunder ihrer Umwelt
an sich vorüber streichen lassen ,
als wären sie nur  das Accessoire einer Onlinebestellung

 
Über die Wut so mancher Bürger
über Dinge, die sie persönlich gar nicht betreffen
wie der angebliche Arbeitsverlust durch Ausländer
die es in ihrer Umgebung gar nicht gibt.

 
Über die Verachtung vieler meiner Mitbürger
auf die Menschen, die nicht so sind wie sie,
als wäre der Zufall einer Geburt ein Makel
den man ertragen müsste.

 
Über den Verlust von analoger Wirklichkeit
angesichts der Dominanz des Internets
das ursprünglich als befreiende Idee  
der Kommunikation  begrüßt wurde.

 
Über Ängste, die tatsächlichen und begründeten
und über die medialen und virtuellen Brandbeschleuniger,
die die Ängste für ihre eigenen Zwecke missbrauchen
und sich dann  über unerwünschte Folgen empören.

 
Über die Vielfalt unserer Möglichkeiten
die wir durch Selbstsucht und Engstirnigkeit verhindern.
Sind wir wirklich  die Krönung der Schöpfung,.
wie uns die Bibel so oder ähnlich weismachen will?

 



 
Schein ist alles

 
Schein ist - wie soll ich sagen -  alles.
Schein ist die Wahrheit, weil es sie nicht gibt.
Schein ist das Recht gegen anderes Recht.

 
Unser Glaube ist Schein einer Gewissheit.
Unsere Gewissheiten sind Schein, weil wir an sie glauben.
Und weil wir glauben, können wir nie gewiss sein.  

 
Was ist eigentlich sicher in unserem Leben?
Wir leben und wir sterben – gewiss.  
Alles andere ist Schein.

 




 
Schwierige Zeiten

 
Es hieß, wir lebten in schwierigen Zeiten.
Nun, da die Jahre vergehen, wie Eintagsfliegen,
zusammengedrängt in winzige Zeitspannen,
in die wir unser Leben zu pressen versuchen.
Nun wissen wir, dass nicht die Zeiten schwierig sind.  
Es ist vielmehr unser Umgang mit ihnen.  

 


 


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